Die aktuellen Grenzwerte von FCC (Federal Communications Commission, USA) und ICNIRP (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection, EU) basieren auf Verhaltensstudien von Ratten (n = 8) und Affen (n = 6) aus den 1980er Jahren. Das einzige Bewertungskriterium dieser Studien war, bei welchen Frequenzen und Leistungsdichten nach 40 oder 60 Minuten Befeldung die Reaktionsraten zum Drücken eines Hebels zur Freigabe von Futterpellets im Vergleich zu den Kontrollen signifikant vermindert waren. Es wurden keine weiteren Endpunkte oder Befeldungsdauern bewertet. Beruhend auf der Erhöhung der Körperkerntemperatur von ca. 1,0 °C wurde eine spezifische Absorptionsrate von 4 W/kg als Grenzwert für die gesundheitsschädliche Wirkung von Hochfrequenz festgelegt, die bis heute gilt. Sie wurde lediglich durch willkürliche Sicherheitsfaktoren auf 0,08 W/kg für die Allgemeinbevölkerung gesenkt. Chronische Befeldung oder nicht-thermische Wirkungen werden nicht berücksichtigt. Zwei aktuelle, systematische WHO-Reviews (1,2) kommen jedoch mit „hoher Gewissheit der Evidenz“ zu dem Schluss, dass HF-Befeldung mit einem erhöhten Krebsrisiko und einer verminderten männlichen Fruchtbarkeit assoziiert ist. Die Autoren, u. a. ein ehemaliger leitender Wissenschaftler des US National Toxicology Program (NTP), nutzen Daten aus vorhandenen Tiermodellen, um veritablere Grenzwerte zu berechnen.
Studiendesign und Durchführung:
Bezüglich der Tumordaten führten die Wissenschaftler Benchmark-Dosis-Analysen (BMD) mit den Tumorraten aus den Rattenmodellen der NTP- und Ramazzini-Institut-Studien durch. Da der Wirkmechanismus der Tumorinduktion unbekannt ist, verwendeten sie eine lineare Niedrigdosis-Extrapolation der BMD01- (1%ige Risikoerhöhung) und BMDL01-Werte (unteres 95-Konfidenzintervall für eine 1%ige Risikoerhöhung), nach den EPA-Leitlinien zur Krebsrisikoabschätzung. Diese lineare Extrapolation liefert Schätzwerte für Ganzkörper-SAR-Werte, die mit einem zusätzlichen Krebsrisiko von 1:100.000 verbunden sind. Für die schädliche Wirkung auf die männliche Fruchtbarkeit nutzten die Autoren die von (2) berichtete lineare Potenz von 3 % verminderter Trächtigkeitsrate pro W/kg und wendeten standardisierte Unsicherheitsfaktoren (10 x Übertragbarkeit Tier-Mensch, 10 × individuelle Schwankung, 3 x weil eine „Kein-Effekt-Dosis“ nicht vorliegt).
Ergebnisse:
Der abgeleitete SAR-Wert, der einer Krebsrisikoerhöhung von 1:100.000 entspricht, liegt je nach zugrundeliegender Studie zwischen 0,7 und 5,3 mW/kg für eine Stunde Hochfrequenzbefeldung am Tag. Der aktuelle ICNIRP/FCC-Ganzkörpergrenzwert für die Allgemeinbevölkerung liegt bei 80 mW/kg. Bei einer täglichen Exposition von einer Stunde überschreitet der geltende Grenzwert das tolerierbare Krebsrisiko um das 15- bis 114-Fache, bei acht Stunden täglich um das 121- bis 909-Fache. Für die männliche Fruchtbarkeit führt die Anwendung der standardisierten Unsicherheitsfaktoren zu Grenzwerten von 3,3-10 mW/kg. Der aktuelle Grenzwert liegt damit 8- bis 24-fach zu hoch.
Schlussfolgerungen:
Die bestehenden Mobilfunk-Grenzwerte von FCC und ICNIRP sind nicht in der Lage, die körperliche Unversehrtheit der Allgemeinbevölkerung zu gewährleisten. Für beruflich exponierte Gruppen (400 mW/kg) verschlechtert sich die Prognose um den Faktor 5. Die Autoren fordern eine unabhängige Neubewertung der Grenzwerte unter Einbeziehung der wissenschaftlichen Ergebnisse der vergangenen 30 Jahre und unter Anwendung standardisierter Methoden der Risikoabschätzung. Des Weiteren merken sie an, dass sie möglicherweise das reale Risiko unterschätzen, da der SAR-Wert als solcher keine angemessene Metrik ist (biologische Wechselwirkungen auf molekularer Ebene durch Nahfeld-Endgeräte werden außer Acht gelassen).
Anmerkungen der Redaktion:
Die Autoren wenden exakt jene Instrumente an, die Gesundheitsbehörden weltweit zur Risikobewertung chemischer Kanzerogene nutzen. Wäre Mobilfunk eine Chemikalie, wäre sie nach denselben Maßstäben als inakzeptables Gesundheitsrisiko eingestuft. Dass selbst eine einstündige tägliche Nutzung von Mobiltelefonen innerhalb regulatorischer Grenzwerte das Krebsrisiko um ein Vielfaches des Akzeptablen übersteigt, ist besorgniserregend. Die Publikation liefert eine belastbare Grundlage, die den Reformationsstau des angestaubten thermischen Dogmas unübersehbar macht. (RH)
1. Mevissen M, Ducray A, Ward JM, Kopp-Schneider A, McNamee JP, Wood AW et al. (2024). Effects of radiofrequency electromagnetic field exposure on cancer in laboratory animal studies, a systematic review. Environmental International, May; 199:109482. https://doi.org/10.1016/j.envint.2025.109482
2. Cordelli E, Ardoino L, Benassi B, Consales C, Eleuteri P, Marino C et al. (2024). Effects of radiofrequency electromagnetic field (RF-EMF) exposure on male fertility: A systematic review of experimental studies on non-human mammals and human sperm in vitro. Environmental International, Mar 1; 185:108509. https://doi.org/10.1016/j.envint.2024.108509