Autor(en):
Stein Y*, Udasin IG.
* Pain Clinic, Department of Anesthesiology and Critical Care Medicine, Hebrew University-Hadassah Medical Center, Jerusalem.
Israel
Veröffentlicht in:
Environ Res 2020; 186: 109445 [im Druck]
Veröffentlicht: 30.03.2020
auf EMF:data seit 29.05.2020
Weitere Veröffentlichungen:
Schlagwörter zu dieser Studie:
Elektrohypersensibilität (EHS)
Reviews/Übersichtsarbeiten
zur EMF:data Auswertung

Elektromagnetische Hypersensibilität (EHS, Mikrowellen-Syndrom) - Review der Mechanismen.

Electromagnetic hypersensitivity (EHS, microwave syndrome) – Review of Mechanisms.

Original AbstractÜbersetzung n.n. vorhanden!

Exposition:

HF/Mikrowellen (1 - 300 GHz)

EMF:data Auswertung

Zusammenfassung

Elektrohypersensibilität (Electromagnetic hypersensitivity, EHS), früher als Mikrowellensyndrom bezeichnet, geht klinisch mit einem breiten Spektrum von unspezifischen Symptomen in verschiedenen Organen einher, nachdem nieder- oder hochfrequente Felder eingewirkt haben. Zahlreiche Studien haben biologische Wirkungen auf Zellebene bei geringen Feldstärken von elektrischen, magnetischen oder elektromagnetischen Feldern gezeigt. Sowjetische Forscher hatten erstmals in den 1950erjahren vom „neurotischen Syndrom“ berichtet. Ähnliche Symptome gibt es bei Multipler Chemikalien-Sensibilität (MCS), dabei ist das Zentralnervensystems als Folge von akuter oder chronischer Einwirkung von elektromagnetischen Feldern betroffen. Auswirkungen sind Kopfschmerzen, Müdigkeit, Stress, Schlafstörungen, Gedächtnisstörungen, Labilität und Ängstlichkeit. Andere Anzeichen sind Übelkeit, Atemnot, Muskelschmerzen, Appetitlosigkeit und Hautreaktionen. Die WHO nannte die klinischen Syndrome 2004  “Idiopathische Umweltintoleranz gegenüber elektromagnetischen Feldern“, in Schweden wird EHS offiziell als funktionelle Beeinträchtigung bezeichnet.

Die US-Regierung gab in den 1970er- und 1980erjahren Berichte über berufliche Belastung mit elektromagnetischen Feldern heraus. Arbeiter mit erhöhter Expositionsdauer bekamen Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Depressionen, Gedächtnisstörungen, vermehrtes Schwitzen u. a. 1980 gab es eine Arbeit mit einer Kohorte von 1300 Arbeitern. Arbeiter mit relativ geringen Feldern zeigten eine Verdoppelung von neuropsychiyatrischen Symptomen. Arbeiter mit installierten Smartmetern außerhalb des Hauses berichten von Anstieg an Schlafstörungen, Tinnitus, Druck im Kopf und Konzentrationsstörungen, die mit steigenden Feldstärken stark anstiegen.

In einer Studie im Jahr 1997 wurden 3 Stufen der Entwicklung von EHS beschrieben. In der ersten Stufe erscheinen vorübergehend Symptome, die kommen und gehen, in der 2. Stufe treten die Symptome mit steigender Dauer oder Intensität oder steigender Anzahl von Symptomen auf. Die 3. Stufe ist von neurologischen Symptomen begleitet, die die Betroffenen stark behindern, sogar nach Einwirkung geringer Feldstärken. Die Österreichische Ärztekammer erkennt 2012 Schlafprobleme, Muskel- und Gelenk- und Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Tinnitus und Druck in den Ohren als Symptome an. Eine Studie von 2010 fand Tinnitus ipsilateral (an der Seite, an der das Telefon gehalten wird) in einer Untergruppe von Handynutzern, die das Telefon seit 4 Jahren oder mehr genutzt hatten. Nach mehr als 60 Minuten Telefongespräch pro Tag über mindestens 4 Jahre entstehen subjektiv Symptome von Ohrerwärmung und Tinnitus, was man mit Ohrschädigung in Zusammenhang sieht. Die häufigsten Beschwerden von Leuten ist Kopfschmerz, was zwischen 2011 und 2016 in mehreren Studien erfasst wurde. Je länger pro Tag mobil telefoniert wurde, desto höher war der Anteil der Personen mit Beschwerden. Auch Ohrenschmerzen treten vermehrt auf. Bei 9- bis 12-jährigen Kindern in China wurden nach Nutzung eines Handys für mehr als 1 Jahr eine Verdoppelung von Kopfschmerzen und Schlafstörungen festgestellt. Die Symptome sind meistens von den Betroffenen beschrieben; sie führen zu signifikanten Einschränkungen bis hin zu Behinderungen bei Erwachsenen und Kindern. Diese Übersichtsarbeit befasst sich mit den Quellen und Messungen der Feldbelastung, objektiven Messungen und klinischen Tests, die die Symptome und Gesundheitsbeeinträchtigungen bei den Patienten erklären können.

Heutige Feldbelastungen

Die Feldbelastung wurde in 2008/2009 als 10- bis 15-mal höher als das natürliche Erdmagnetfeld angegeben. In 2010 wurde geschätzt, dass mehr als 2 Mrd. Menschen weltweit Mobiltelefone nutzen. Die elektromagnetischen Felder, denen Menschen potenziell ausgesetzt sind, gehen von einer Vielzahl von Geräten aus. Die Quellen für künstliche Hochfrequenz sind Basisstationen (2G-, 3G-, 4G-Technik), Antennen, Handys (GSM, UMTS, LTE) und spezielle Telekommunikationssysteme und Geräte (schnurlose Telefone, Laptops, Tablets, WLAN, LAN, Video, Radio,TV, Videospiele und z. B. Ablesegeräte für Wasser und Gas. Zukünftig wird 5G noch mehr Strahlung hinzufügen. Im Niederfrequenzbereich sind Hochspannungsleitungen, elektrische Installationen, Fluoreszenzlampen und Photokopierer weitere Quellen.

Physiologische Beweise für Gesundheitswirkungen

Mehrere Studien zitieren Abnormitäten in neuropsychiatrischen Tests bei Patienten, die solche Symptome angaben. Ein Forscher untersuchte 34 Angehörige der US-Air Force, die höheren Feldstärken ausgesetzt waren als die Grenzwerte erlauben. Die jungen Männer berichteten von akuten neurologischen Symptomen nach Bestrahlung und bei standardisierten neuropsychiatrischen Tests kam heraus, dass zwei Drittel der Personen übereinstimmende Ergebnisse zeigten mit antisozialer Persönlichkeit, leichten organischen Hirnsyndromen, Ängstlichkeit und Tendenz zu Somatisierung. Andere Studien zeigen Änderungen im zerebralen Blutfluss und Glucose-Stoffwechsel, was mit PET gezeigt werden kann. Ein Experiment mit gesunden Freiwilligen (50-Minuten-Gespräch mit dem Mobiltelefon) ergab einen Anstieg des Hirnstoffwechsels in Hirnschäden, die am nächsten an der Mobiltelefon-Antenne waren gegenüber der Kontrolle. Andere Studien fanden auch Änderungen im PET des Gehirns und Abnahme des Blutflusses im Gehirn. Belpomme fand 2015 bei 727 EHS- und MCS-Patienten normale Ergebnisse bei MRI und Carotis-Ultraschall, aber der Blutfluss in den Schläfenlappen beider Hemisphären war vermindert und im Vergleich zu normalen Patienten war bei EHS- und MCS-Patienten die zerebrale Pulsatilität verringert, in den Schläfenlappen fast verschwunden. Diese Messungen könnten unspezifisch sein, sie können aber potenzielle Änderungen in der Hirnfunktion bei diesen Patienten anzeigen.

Mechanismen

Viele Mechanismen, die bei MCS auftreten, erscheinen ähnlich bei EHS. Wiederholte Einwirkung führt zu Empfindungen, durch gehäufte Einwirkung können die Symptome verstärkt werden. Viele hypersensitive ((überempfindliche)) Patienten scheinen unzureichende Entgiftungssysteme zu haben, die bei oxidativem Stress überfordert werden. Die Patienten können neurologische, neurohormonale und neuropsychiatrische Symptome haben, eine Folge der Nervenschädigung durch elektromagnetische Felder mit überempfindlichen Reaktionen der Nerven. Elektromagnetische Felder können Änderungen in der Calcium-Signalkaskade, signifikante Aktivierungsprozesse von Freien Radikalen und Überproduktion von Reaktiven Sauerstoffmolekülen (ROS) in lebenden Zellen bewirken, sie können Funktionen des Nervensystems, der Hirnleistung und der Blut-Hirn-Schranke beeinflussen. Durch Verbrennungsprozesse in der Umwelt befindliche Magnetit-Kristalle können aufgenommen werden und eine wichtige Rolle bei der Wirkung von elektromagnetischen Feldern auf das Gehirn spielen. Das autonome Nervensystem kann Symptome im Herz-Kreislauf-System hervorrufen. Andere Einflüsse betreffen die Haut, das Immun- und Blutbildungssystem. Die Mechanismen, die den EHS-Symptomen zugrunde liegen, sind biologisch plausibel.

Quelle: ElektrosmogReport Mai 2020 | 26. Jahrgang, Nr. 2

Schlussfolgerungen

Man kann heute den elektromagnetischen Feldern nicht entkommen und es gibt viele Menschen, die Krankheitszeichen entwickeln. Diese Literaturarbeit enthält zahlreiche Berichte über neurologische und neuropsychische Krankheitszeichen, die einen zeitlichen Zusammenhang mit der Einwirkung von elektromagnetischen Feldern haben wie Änderungen des Blutflusses im Gehirn, sichtbar im PET-Scan des Gehirns. Einige Forscher haben die Abnormalitäten im Temporallappen lokalisiert, was einleuchtet, weil das Mobiltelefon dort am nächsten ist.

Klar ist, dass viele Menschen empfindlich auf elektromagnetische Felder reagieren und deren Lebensqualität oft vermindert ist bis hin zu starker Behinderung. Weitere Forschung zu Gefahren durch das Mobiltelefon und des Internets ist nötig, besonders in Schulen, wo Kinder viele Stunden der Strahlung ausgesetzt sind. Es müssen mehr Diagnose-Tests für EHS entwickelt werden, die Grenzwerte sollten niedriger sein, die Strahlung vermindert werden, damit mehr Schutz vor biologischen Wirkungen möglich wird. Mehr Kabelverbindungen und weniger drahtlose Netzwerke sollten genutzt werden, um empfindliche Personen in der Gesellschaft zu schonen, und öffentliche Schutzräume sollten verfügbar sein. (IW)