Autor(en):
Redmayne M*, Reddel S.
* GEES, Victoria University of Wellington, New Zealand,
Monash University, Melbourne, Australia.
Neuseeland
Veröffentlicht in:
Electromagn Biol Med. 2021 Apr 3;40(2):227-235
Veröffentlicht: 03.04.2021
auf EMF:data seit 05.12.2021
Weitere Veröffentlichungen:
Schlagwörter zu dieser Studie:
Elektrohypersensibilität (EHS)
Reviews/Übersichtsarbeiten
zur EMF:data Auswertung

Neudefinierung der Elektrosensibilität: Ein neues, durch Literatur gestütztes Modell.

Redefining electrosensitivity: A new literature-supported model.

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EMF:data Auswertung

Zusammenfassung

Australische Forscher, welche auch Eigentümer einer der größten Datenbanken über biologische Effekte elektromagnetischer Felder (EMF) sind, präsentieren eine neue Sicht der sogenannten Elektrosensibilität (ES). Das neue Grundbild, das durch die Forschung der letzten Jahrzehnte zunehmend bestätigt wird, ist die Erkenntnis, dass alles Leben und alle Menschen in gewissem Maße elektrosensibel sind, und krankhafte Erscheinungen dieser Elektrosensibilität erst auftreten, wenn die Fähigkeit des Organismus sich selbst zu reparieren und regulieren (Homöostase) ernsthaft gestört ist.

Erst im letzten Jahrhundert hat die Menschheit zunehmend mehr und stärkere künstliche EMF produziert. Unerwünschte Gesundheitssymptome, die mit einer Hochfrequenz-Exposition (HF) zusammenhängen, wurden seit den 1930er Jahren mit der Einführung von (Radar-)Geräten an einigen Arbeitsplätzen gemeldet. In den 1960er Jahren, nach der breitflächigen Einführung elektrischer Bürogeräte, kam es dann zu einem sprunghaften Anstieg. Die ersten Mobiltelefone wurden in den 1970er Jahren eingeführt, aber ihre Beliebtheit nahm erst Ende der 1990er Jahre rapide zu, als sie erschwinglicher wurden. Zu diesem Zeitpunkt klagten bereits viele Menschen über gesundheitliche Beeinträchtigungen durch die Exposition, und der Begriff Elektrohypersensibilität (EHS) wurde allgemein verwendet.

Quelle: ElektrosmogReport Dezember 2021 | 27. Jahrgang, Nr. 4

Studiendesign und Durchführung

Die Forscher haben eine repräsentative Auswahl nicht nur aus der EHS-Forschung, sondern auch aus In-vivo- und In-vitro-Reaktionen auf HF-Exposition getroffen. Zusätzlich wurde die medizinische Literatur bezüglich der Rolle des autonomen Nervensystems (ANS) einbezogen. Die verwendete Methode für die Durchforstung der Literatur war iterativ – also schrittweise vorgehend – und basierte auf der Frage: "Was ist Elektrohypersensibilität im Kontext der allgemeinen Gesundheit und des Wohlbefindens?"

Zu den Suchmaschinen und Datenbanken gehörten die EMF-Portal-Datenbank und die ORSAA-Datenbank, Google Scholar, Verweise auf einschlägige Veröffentlichungen und Websites nationaler und internationaler Organisationen. Zu den Suchbegriffen gehörten Elektrohypersensibilität, chronische Krankheit, Allergie, Autoimmunerkrankung, Nocebo, autonomes Nervensystem (ANS), jeweils einzeln und/oder in Verbindung mit typischen EHS-Symptomen.

Es wurde zunächst ein ausgewogener und aktueller Querschnitt der Literatur betrachtet, der den Status quo der Elektrohypersensibilität darstellt. Die nächste Iteration führte zur Entwicklung von Bewusstseins- und Reaktionskontinua – also einem Gradienten, der die bewusste Wahrnehmung von EMF oder mit EMF in Verbindung stehenden negativen Eindrücken bewertet, sowie einem Gradienten, der den Grad der psychischen und körperlichen Reaktionen bemisst. Danach wurden literaturgestützte Konzepte zur Homöostase analysiert und bewertet.

Ergebnisse

Bei kritischer Betrachtung der Literatur über Elektrohypersensibilität (EHS) und der berichteten körperlichen Reaktionen auf menschgemachte Hochfrequenzstrahlung (HFS) wird deutlich, dass EHS nur ein Teil eines komplexeren Spektrums von Reaktionen ist, die mit der natürlichen Elektrosensibilität des Menschen zusammenhängen.

Wie bereits dargelegt, ist das Leben von Natur aus elektrosensibel und elektrisch. In diesem Zusammenhang betrachtet, stellt die Übertragungstechnologie eine äußere Einmischung in den elektrosensiblen Status dar, der dem Menschsein bzw. dem Leben innewohnt.

Das somatische Bewusstseinskontinuum bezieht sich auf die verschiedenen Ebenen des Bewusstseins, dass die eigenen Symptome auf die HF-Exposition zurückzuführen sind (wenn dies der Fall ist). Der Nocebo-Effekt, der hier als assoziative Reaktion bezeichnet wird, unterscheidet sich dadurch, dass er das Bewusstsein der Person darstellt, sich in der Nähe des/der Sendegeräte zu befinden. Diese schließen sich nicht gegenseitig aus.

Das somatische Reaktionskontinuum ist das Ausmaß, in dem der Körper auf verschiedene Einflüsse reagiert, die durch die Exposition gegenüber HFS entstehen. Dazu gehören zelluläre, biochemische, autonome Reaktionen und noch andere Reaktionen des Nervensystems (einschließlich des ZNS). Das Reaktionskontinuum ist nicht linear, da verschiedene Situationen auftreten, in denen es zu unregelmäßigen oder unausgewogenen somatischen Reaktionen kommt.

Die Autoren gehen davon aus, dass die individuelle Reparaturkapazität sowohl dynamisch als auch untrennbar mit dem somatischen Bewusstsein über das autonome Nervensystem (ANS) verbunden ist. Die Forschung zeigt zunehmend, dass das menschliche System vollständig integriert ist, wobei Geist und Körper miteinander verbunden sind, z.B. via Vagusnerv und Stammhirn, was die Regulation der Atmung und Wachsamkeit/Schläfrigkeit betrifft.

Schlussfolgerungen

Auf der Grundlage zahlreicher in vitro und in vivo beobachteter Wirkungen geht dieses Modell davon aus, dass eine modulierte HF-Exposition wahrscheinlich jeden Menschen in gewissem Maße auf zellulärer Ebene beeinträchtigt.

Die Forscher schlagen vor, dass die Wahrscheinlichkeit und die Art der Reaktion auf Umwelt-HFS: 1) ein lineares somatisches Bewusstseinskontinuum, 2) ein nicht-lineares somatisches Reaktionskontinuum und 3) das Ausmaß der individuellen Fähigkeit, Schäden zu reparieren (Homöostase), umfasst.

Sie gehen davon aus, dass dieser letzte, dynamische Aspekt über das autonome Nervensystem untrennbar mit den anderen verbunden ist. Das Ganze ist abhängig vom Zustand der miteinander verbundenen Immun- und Entzündungssysteme. Bei den meisten Menschen hält ihr Körper die Homöostase durch routinemäßige Reparaturen aufrecht. Einige entwickeln jedoch eine Elektrohypersensibilität, entweder aufgrund von HF-Exposition oder als ANS-vermittelte, unbewusste Reaktion (auch Nocebo-Effekt genannt) oder beides. Die Autoren vermuten, dass die HF-Exposition ein Faktor für die Entwicklung einer Autoimmunerkrankung oder Allergie sein kann. Einige wenige entwickeln eine verzögerte katastrophale Krankheit wie ein Gliom. In diesem Modell werden alle mit Hochfrequenzstrahlung zusammenhängenden Erkrankungen pauschal als elektromagnetische Erkrankungen bezeichnet. Somit scheint EHS ein Teil einer Reihe von Reaktionen auf eine neuartige und sich schnell verändernde evolutionäre Situation zu sein. (AT)