Autor(en):
Kundi M*, Nersesyan A, Schmid G, Hutter HP, Eibensteiner F, Mišík M, Knasmüller S.
* Center for Public Health, Department of Environmental Health, Medical University of Vienna, Vienna.
Österreich
Veröffentlicht in:
Environ Res 2024; 251 Pt 1: 118634
Veröffentlicht: 12.03.2024
auf EMF:data seit 08.05.2024
Weitere Veröffentlichungen: Studie gefördert durch:

Austrian Worker's Compensation Board (AUVA, Allgemeine Unfallversicherungsanstalt).

Schlagwörter zu dieser Studie:
Zytotoxizität  |  Zellzyklus  |  Zellschädigung, Zelltod (Apoptose)
Medizinische/biologische Studien
zur EMF:data Auswertung

Handy-spezifische Strahlung stört die Zytokinese und verursacht den Zelltod, aber keine akuten Chromosomen-Schäden in Wangen-Zellen: Ergebnisse einer kontrollierten Interventionsstudie am Menschen.

Mobile phone specific radiation disturbs cytokinesis and causes cell death but not acute chromosomal damage in buccal cells: Results of a controlled human intervention study.

Original Abstract

Several human studies indicate that mobile phone specific electromagnetic fields may cause cancer in humans but the underlying molecular mechanisms are currently not known. Studies concerning chromosomal damage (which is causally related to cancer induction) are controversial and those addressing this issue in mobile phone users are based on the use of questionnaires to assess the exposure. We realized the first human intervention trial in which chromosomal damage and acute toxic effects were studied under controlled conditions. The participants were exposed via headsets at one randomly assigned side of the head to low and high doses of a UMTS signal (n = 20, to 0.1 W/kg and n = 21 to 1.6 W/kg Specific Absorption Rate) for 2 h on 5 consecutive days. Before and three weeks after the exposure, buccal cells were collected from both cheeks and micronuclei (MN, which are formed as a consequence of structural and numerical chromosomal aberrations) and other nuclear anomalies reflecting mitotic disturbance and acute cytotoxic effects were scored. We found no evidence for induction of MN and of nuclear buds which are caused by gene amplifications, but a significant increase of binucleated cells which are formed as a consequence of disturbed cell divisions, and of karyolitic cells, which are indicative for cell death. No such effects were seen in cells from the less exposed side. Our findings indicate that mobile phone specific high frequency electromagnetic fields do not cause acute chromosomal damage in oral mucosa cells under the present experimental conditions. However, we found clear evidence for disturbance of the cell cycle and cytotoxicity. These effects may play a causal role in the induction of adverse long term health effects in humans.

Keywords

Micronucleus | Nuclear anomalies | Buccal cells | Cell phone radiation exposure

Exposition:

UMTS/3G

EMF:data Auswertung

Einleitung

Einige Studien am Menschen haben ergeben, dass Mobilfunkstrahlung Krebs verursachen kann, z. B. Gliome, Schwannome und wahrscheinlich auch Leukämie; die molekularen Mechanismen sind noch unbekannt. Deshalb wurde Hochfrequenzstrahlung als „möglicherweise Krebs erregend beim Menschen“ eingestuft (IARC, WHO). Studien zu Chromosomenschäden haben widersprüchliche Ergebnisse, z. B. aufgrund sehr unterschiedlicher Ansätze, oder andere basieren auf Fragebögen von Mobilfunknutzern, um die Strahlenbelastung zu beurteilen. Einer der am häufigsten benutzte Nachweis von Zellschäden ist der Mikrokern-Test an Lymphozyten oder Zellen der Wangenschleimhaut. Mikrokerne entstehen, wenn Chromosomen bzw. DNA z. B. durch Chemikalien, ionisierende oder nicht-ionisierende Strahlung geschädigt werden. Man findet dann DNA-haltige Partikel im Zytoplasma (ganze Chromosomen oder Teile davon), mögliche Anzeichen für Tumorentwicklung. Es gibt viel Kritik an vielen Studien bezüglich der Auswahl der Methoden oder der Durchführung. Die hier vorliegende Studie ist die erste mit Menschen durchgeführte Interventionsstudie, die Chromosomenschäden und akute toxische Wirkungen unter kontrollierten Bedingungen untersuchte.

Quelle: ElektrosmogReport Mai 2024 | 30. Jahrgang, Nr. 2

Studiendesign und Durchführung

Von 42 Teilnehmern durchliefen 41 (29 Jahre ± 10 Jahre, 21 Männer, 20 Frauen) das gesamte Experiment. Die Teilnehmer sollten 3 Wochen vor Beginn und 3 Wochen nach Ende der Bestrahlung sowie während des Experiments eine Freisprechanlage benutzen. Alle Personen führten ein Tagebuch für 47 Tage mit Beginn 3 Wochen vor der Bestrahlung, darin wurden u. a. alle Gespräche mit dem Mobiltelefon aufgezeichnet. Die Bestrahlung erfolgte über Headsets unter 4 verschiedenen Bedingungen: mit hoher und niedriger Dosis von UMTS-Signalen (1950 MHz) bestrahlt, einmal linke und einmal rechte Seite des Kopfes (20 Personen mit SAR 0,1 W/kg und 21 Personen mit SAR 1,6 W/kg, 2 Stunden täglich an 5 aufeinanderfolgenden Tagen; 2 Stunden täglich entspricht ungefähr der durchschnittlichen Nutzung des Mobiltelefons). Unmittelbar vor dem Experiment und 3 Wochen danach wurden Epithelzellen der Mundschleimhaut von beiden Wangen entnommen. Experiment und Auswertung wurden doppelblind durchgeführt, Die Auswahl, ob rechte oder linke Wange bestrahlt wird, erfolgte zufällig. Die Entnahme der Zellen 3 Wochen nach Ende des Experiments wurde gewählt, weil Mikrokerne erst nach einem Zellzyklus zu sehen sind, der bei Mundschleimhautzellen 14–21 Tage beträgt. Untersucht wurde am Ende auf Mikrokerne (Chromosomenbrüche und -verluste), Kernknospen (Genamplifikation) und zweikernige Zellen mit 2 Kernen (lässt auf gestörte Zellteilung schließen) sowie auf andere Anomalien der Zellen wie kondensiertes Chromatin, pyknotische Zellen u. a.

Ergebnisse

Es gab bei beiden Feldstärken keine signifikanten Unterschiede in der Bildung von Mikrokernen und den Kernknospungen gegenüber den Ausgangswerten (beides Anzeichen für Chromosomeninstabilität, die Krebsentwicklung zur Folge haben kann, die Red.), aber bei 1,6 W/kg gab es einen signifikanten Anstieg von zweikernigen Zellen um 28 %, und karyorrhektischen Zellen um 57 % (zerfallene DNA im Zellkern) gegenüber 0,1 W/kg und von karyolytischen Zellen (Zellkernzerfall) gegenüber den Ausgangswerten. Das deutet auf gestörte Zellteilung, Auflösung des Zellkerns und Zelltod hin. Der Vergleich der Werte bezogen auf die bestrahlte Kopfseite (ipsilateral) im Vergleich zur Gegenseite (contralateral) ergab, dass an der bestrahlten Wange signifikant mehr karyolytische Zellen und Chromatinkondensation auftrat; auch zweikernige Zellen waren erhöht, aber nicht signifikant. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass in mehreren früheren Studien der Chromatinkondensation eine Schlüsselrolle bei den verschiedenen Arten von Zelltod (Apoptose und Nekrose) zugewiesen wurde. Die Beobachtung von karyorrhektischen Zellen weist auf akute Toxizität hin.

Schlussfolgerungen

Zusammengenommen zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass die Einwirkung von UMTS-Mobilfunkstrahlung auf Zellen der Mundschleimhaut keine akuten Chromosomenschäden hervorruft, aber es entstehen akute Zellschäden, sichtbar vor allem an karyorrhektischen Zellen. Der signifikante Anstieg der 2-kernigen Zellen belegt gestörte Zytokinese. Es bilden sich also Zellkernanomalien, die auf akute Zellschädigungen und gestörte Zellteilung hinweisen. Diese klaren Hinweise auf Störung des Zellzyklus und der Zytotoxizität kann auf lange Sicht Gesundheitsbeeinträchtigungen beim Menschen zur Folge haben. Die Autoren geben als Einschränkung der Studie die nur 2 Stunden dauernde tägliche Bestrahlung an (was möglicherweise bedeutet, dass längere Bestrahlung stärkere Auswirkungen haben können, die Red.) (IW)