In zahlreichen Studien wurde gezeigt, dass hochfrequente elektromagnetische Felder (HF-EMF), z.B. von drahtlosen Kommunikationsgeräten, auf zellulärer Ebene oxidative Stressreaktionen auslösen können. Mobilfunk könnte mit Ionenkanälen und Rezeptoren auf der Zellmembran interagieren, was zu einer erhöhten Produktion reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) führt und gleichzeitig die antioxidative Abwehr hemmt. Coenzym Q10 spielt eine Schlüsselrolle beim Elektronentransport in den Mitochondrien und ist für die ATP-Produktion unerlässlich. Es wirkt auch als starkes Antioxidans und schützt Zellmembranen und DNA vor oxidativen Schäden. Das Ziel der vorliegenden Studie war es, die Wirkung von 3,5-GHz-GSM-Mobilfunk auf das männliche Fruchtbarkeitssystem sowie eine potenzielle schützende Wirkung von Q10 anhand eines Rattenmodells zu untersuchen.
28 adulte männliche Wistar-Ratten wurden randomisiert in vier Gruppen (n = 7) unterteilt: 1) scheinbefeldet; 2) HF-befeldet; 3) scheinbefeldet + Q10; 4) HF-befeldet + Q10. Die Versuchstiere wurden über einen Zeitraum von 30 Tagen täglich 2 h einer GSM-modulierten 3,5-GHz-Befeldung ausgesetzt. Das numerische Modell zur Berechnung des SAR-Wertes wurde durch den Vergleich der simulierten und gemessenen Feldstärken validiert. Der Ganzkörper-SAR lag bei 0,17 W/kg, der hodenspezifische SAR bei 0,027 W/kg. Es wurde eine Temperaturüberwachung durchgeführt. Die Wissenschaftler bestimmten hormonelle (Testosteron, LH (luteinisierendes Hormon), FSH (follikel-stimulierendes Hormon)), oxidative (MDA (Malondialdehyd), GSH (Glutathion), TAS (totaler antioxidativer Status), TOS (totaler oxidativer Status)) und histopathologische Parameter. Die statistische Auswertung erfolgte über ANOVA mit adäquatem Post-hoc-Test.
Die GSM-Befeldung führte zu einer signifikanten Reduktion der untersuchten Hormone Testosteron, LH und FSH. Die Verabreichung von Q10 konnte die HF-Wirkung im Falle von LH und Testosteron signifikant abmildern, bei FSH wurde kein Effekt gefunden. Die oxidativen Stressmarker zeigten ebenfalls eine statistisch signifikante Wirkung der 3,5-GHz-Befeldung im Vergleich zur Scheinbefeldung. MDA und TOS waren erhöht, während TAS reduziert wurde. GSH wurde nicht signifikant beeinflusst. Auch hier zeigte sich eine abmildernde Wirkung durch die Verabreichung von Q10. Histologisch zeigten sich Desorganisation der Samenkanälchen, eine Degeneration des Keimepithels und ein statistisch signifikant verminderter Johnsen-Score (Bewertung der Spermatogenese). Die Verabreichung von Q10 reduzierte die histologischen Schäden, eine vollständige Rückkehr auf Kontrollniveau wurde nicht flächendeckend erreicht.
Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass chronische GSM-modulierte 3,5-GHz-Befeldung oxidativen Stress im Hodengewebe mit konsekutiver Beeinträchtigung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse im Rattenmodell verursachen kann. Als Folge wurden histologische Veränderungen wichtiger Fortpflanzungsmerkmale beobachtet. Die Befeldungsparameter waren so gewählt, dass thermische Wirkungen ausgeschlossen werden können. Das Coenzym Q10 übt durch seine antioxidative Wirkung einen partiellen Schutz aus, insbesondere auf den Testosteronspiegel und die Redox-Balance. Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse die Anfälligkeit des männlichen Fortpflanzungssystems für nicht-thermische Mobilfunk-Wirkungen. Die Autoren betonen, dass aufgrund der verwendeten GSM-Modulation keine Rückschlüsse auf die Wirkung realer 5G-Signale gezogen werden sollten.
Anmerkungen der Redaktion:
Die Studie überzeugt durch ein integratives Design aus hormoneller, biochemischer und histologischer Analyse. Die klare Dokumentation nicht-thermischer Befeldungsbedingungen und die transparente Einordnung der Ergebnisse im Kontext der Signalmodulation (GSM vs. 5G) sind ebenfalls positiv hervorzuheben. Möglicherweise wurde die Mixtur aus 5G-Trägerfrequenz (3,5 GHz) und GSM-Modulierung gewählt, da es aufgrund möglicher Interferenzen ohne Genehmigung verboten ist echte 5G-Signale zu senden. In jedem Fall reiht sich die Studie in die wachsende wissenschaftliche Evidenz ein, dass HF-EMF verschiedener Frequenzen schädigende Auswirkungen auf das männliche Fortpflanzungssystem besitzen (1–3). (RH)
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