Angesichts der weiten Verbreitung von drahtloser Kommunikationstechnologie und der räumlichen Nähe von Mobiltelefonen zum Kopf, ist die Frage nach möglichen Wirkungen von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern (HF-EMF) auf die physiologische Gehirnaktivität von hoher Relevanz. Frühere Befunde dokumentieren eine besondere Empfindlichkeit der Alpha-Gehirnwellen (8–12 Hz) gegenüber Mobilfunkstrahlung. (Alpha-Wellen treten typischerweise bei gesunden, wachen Erwachsenen während Ruhephasen mit geschlossenen Augen auf. Der Alpha-Rhythmus steht im Zusammenhang mit kognitiver und visueller Entspannung, Anm. d. Red.). Die bisherigen Untersuchungen der Hirnaktivität beschränken sich jedoch auf EEG-Analysen, bei denen vor allem untersucht wird, wie stark die Hirnaktivität in verschiedenen Frequenzbereichen ist. Um herauszufinden, ob Mobilfunk auch die Zusammenarbeit verschiedener Hirnareale beeinflussen kann, muss jedoch eine Magnetoenzephalographie (MEG) durchgeführt werden. Die vorliegende Studie ist die erste, die die Auswirkungen von Mobilfunk auf die Konnektivität zwischen verschiedenen Hirnarealen mittels MEG untersucht. Unter Konnektivität versteht man das Zusammenspiel und die Abstimmung zwischen verschiedenen Neuronenverbänden, wenn das Gehirn Informationen verarbeitet. Ein MEG kann bestimmen, wie gut die elektrischen Schwingungen verschiedener Hirnregionen zeitlich aufeinander abgestimmt sind und ob sie in einem synchronen Rhythmus arbeiten.
32 gesunde Probanden (15 Männer, 17 Frauen, Durchschnittsalter 25 Jahre) durchliefen ein randomisiertes, doppelverblindetes, gegenläufiges Crossover-Prozedere mit zwei Sitzungen mit einer Woche Abstand. Jede Versuchssitzung umfasste Baseline-, Befeldungs- und Post-Befeldungsphase. Die Befeldungsphase dauerte insgesamt 25 min 30 s. Als Mobilfunk-Quelle dienten zwei Nokia 6650 (GSM; 900 MHz mit 217 Hz Modulierung), wobei eines als „Scheingerät“ keine Mobilfunkstrahlung aussendete. Der gemessene SAR-Wert, gemittelt über 10 g Gewebe, betrug 0,7 W/kg. Das Mobiltelefon wurde am linken Ohr der Probanden platziert. Die MEG-Messung wurde vor und nach der Befeldungsphase durchgeführt. Die funktionelle Konnektivität wurde mittels ci-PLV berechnet, der die Phasensynchronisation quantifiziert. Das Gehirn wurde in 68 Regionen unterteilt, was in insgesamt 2278 (jede Region gegen jede Region) verglichenen Verbindungen resultierte. Die statistische Analyse erfolgte als Zwei-Wege-ANOVA mit Bonferroni-Korrektur.
Die Ergebnisse zeigen statistisch signifikante Modulationen der Konnektivität durch das Mobiltelefon. Nach der Bonferroni-Korrektur blieben im Vergleich von schein-befeldeter Gruppe zu befeldeter Gruppe drei Verbindungen innerhalb der rechten Hirnhemisphäre statistisch signifikant vermindert: 1) die Konnektivität zwischen dem rechten transversalen temporalen Kortex (rTTC) und dem rechten entorhinalen Kortex (rEC), 2) die Konnektivität zwischen rTTC und rechtem insularen Kortex (rIC), 3) die Konnektivität zwischen rTTC und dem rechten posterioren cingulären Kortex (rPCC). Die Modulationen traten überwiegend im Alpha-Frequenzbereich auf.
Die Daten der Wissenschaftler zeigen signifikante Veränderungen der Konnektivitätswerte zwischen den kortikalen Bereichen der rechten Hirnhemisphäre, vorwiegend im und um den Temporallappen. Zu diesem Bereich gehören der TTC, auch Heschl-Gyrus genannt, eine Struktur, die an der Verarbeitung auditorischer Informationen beteiligt ist. Der EC spielt eine zentrale Rolle beim Gedächtnis, der IC ist an Bewusstsein und Emotionen beteiligt, während der PCC einen zentralen Knotenpunkt im Gehirn darstellt. Die Autoren mutmaßen, dass die Mobilfunkstrahlung die neuronale Aktivität im Ohr beeinflussen kann, da die auditive Verarbeitung weitestgehend kontralateral (auf der gegenüberliegenden Seite des Mobiltelefons, welches sich am linken Ohr befindet) erfolgt.
Anmerkungen der Redaktion:
Die Stärken der vorliegenden Studie liegen vor allem im methodisch stringenten Studiendesign, welches Kofaktoren bzw. Artefakte minimiert. Besondere Bedeutung ist der Verwendung des MEG zuzuschreiben, welche eine Wissenslücke hinsichtlich der Mobilfunkwirkung auf unsere Gehirnaktivität adressiert. Als Limitationen sind die begrenzte Stichprobengröße und der Fokus auf akute Wirkungen zu nennen. Eine Langzeitstudie zu chronischen Wirkungen besäße ebenfalls große Relevanz. (RH)