Autor(en):
Bächler, E*
* Schweizerische Vogelwarte, Seerose 1, CH–6204 Sempach.
Schweiz
Veröffentlicht in:
Ornithologischer Beobachter Band 122, Heft 4, Dez 2025
Veröffentlicht: 01.12.2025
auf EMF:data seit 25.02.2026
Weitere Veröffentlichungen:
Schlagwörter zu dieser Studie:
Wirkung auf Tiere
Reviews/Übersichtsarbeiten
zur EMF:data Auswertung
nicht/teilweise/unklar peer-reviewed

Zum Einfluss von nichtionisierender Strahlung (NIS) auf Vögel: rechtliche Situation, wissenschaftlicher Stand und Empfehlungen für den Vogelschutz. [Dt. Original-Titel]

Impact of non-ionising radiation (NIS) on birds: legal situation, current scientific knowledge and recommendations for the protection of birds.

Original Abstract

Flora und Fauna und somit auch die Vögel müssen aufgrund der geltenden Umweltgesetzgebung vor den negativen Auswirkungen von NIS geschützt werden. Da für Flora und Fauna aber keine entsprechenden Ausführungsbestimmungen erlassen wurden, wird deren Schutz nur äusserst lückenhaft vollzogen. Für eine systematische Umsetzung des gesetzlich verankerten Schutzes der Vögel vor NIS ist die Formulierung von allgemeingültigen Regeln und Grenzwerten daher unabdingbar. Die Schweizerische Vogelwarte Sempach empfiehlt, die Bestimmungen der Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISV) auch auf die Vögel anzuwenden und insbesondere für Brutstandorte das Vorsorgeprinzip zu berücksichtigen.

Quelle: Ornithologischer Beobachter Band 122, Heft 4, Dez 2025 | Übersetzung durch EMF:data
Exposition:

EMF allgemein

EMF:data Auswertung

Einleitung

Ein neuer wissenschaftlicher Review fasst den aktuellen Kenntnisstand über die Auswirkungen elektromagnetischer Felder (EMF) auf Vögel zusammen. Nichtionisierende Strahlung (NIR) kann in unmittelbarer Nähe das Körpergewebe von Vögeln, insbesondere von Embryonen und Nestlingen, erwärmen und schädigen. Dieser thermische Effekt ist wissenschaftlich unumstritten und erfordert gesetzlichen Schutz. Besonders kritisch ist die Installation von Sendern in Gebäuden, die als Nistplätze genutzt werden, wie Kirchtürmen. Niederfrequente elektrische und magnetische Felder (NF-EF/MF, 1 Hz-100 kHz) entstehen durch Wechselströme oder gepulste Gleichströme, Hauptquellen sind Bahn- und Stromnetze (50 Hz). Bei Hochfrequenz (100 kHz bis 300 GHz) sind elektrische und magnetische Felder gekoppelt und breiten sich wellenförmig aus. Thermische Effekte treten nur bei hohen Feldstärken auf, während auch nicht-thermische Effekte wie Beeinträchtigungen der Magnetorientierung oder oxidativer Stress bei Vögeln wissenschaftlich belegt sind. 

Quelle: ElektrosmogReport 1/2026 | 32. Jahrgang, Nr. 1

Ergebnisse

Zusammenfassung der Studienlage:

Niederfrequente elektrische und magnetische Felder (NF-EF/MF): Studien untersuchten teratogene Wirkungen von NF-EF/MF und Embryonalsterblichkeit. Bestimmte Genotypen reagieren stärker, während andere unempfindlich sind. Neben Missbildungen wurden erhöhte Aktivität des Enzyms Ornithindecarboxylase, oxidativer Stress und erhöhte Stressproteine (Hsp70) beobachtet [1] – bereits bei niedrigen Feldstärken nahe dem Anlagengrenzwert. Biologische Systeme reagieren auf schwache EF/MF und EMF, wobei Cryptochrom-Proteine als mögliche Rezeptoren diskutiert werden. Cryptochrome regulieren physiologische Prozesse wie Tagesrhythmen und oxidatives Gleichgewicht und sind bei Vögeln zentral für die Magnetfeldorientierung.

Hochfrequente elektromagnetische Wechselfelder (HF-EMF): Schwache HF-EMF bis etwa 100 MHz stören den magnetischen Kompass von Vögeln, doch ist der Einfluss auf Zugvögel unklar. Engels et al. wiesen Störungen bereits bei üblichen HF-EMF (20 kHz–5 MHz) nach, während Leberecht et al. (2022) Effekte bis 85 MHz und 5,6 nT bestätigten [2]. Theoretisch liegt die Obergrenze für Beeinflussung bei 116 MHz. Andere Studien zeigen erhöhten oxidativen Stress bei Vögeln, etwa bei 1800 MHz oder 900 MHz. Antioxidative Schutzmechanismen haben Grenzen, besonders bei jungen oder alten Individuen. Molekulare Nachweise athermischer Effekte, wie die Beeinflussung von Hsp70, unterstreichen die Relevanz.

Freilandstudien: Sakraoui et al. (2024) fanden bei Weißstörchen in Algerien niedrigere Überlebensraten in Nestern auf Mobilfunkantennen [3]. Balmori und weitere Forscher korrelierten Bruterfolg von Weißstörchen und Haussperlingen mit Mobilfunkintensität (900/1800 MHz), doch andere Faktoren wurden nicht berücksichtigt [4]. Eine neuere Studie fand keinen Effekt auf Haussperlinge, und in der Schweiz stiegen deren Bestände. Die Übertragbarkeit von Laboreffekten auf natürliche Bedingungen ist unklar, da Organismen Schäden teilweise kompensieren können, aber multifaktorielle Ursachen wie Genetik und Umwelt eine Rolle spielen.

Schlussfolgerungen

Vögel müssen gemäß Umweltvorschriften vor NIR geschützt werden, doch fehlen spezifische Regelungen. Die Schweizerische Vogelwarte empfiehlt, die NIS-Schutzverordnung auch auf Vögel anzuwenden, insbesondere bei Brutplätzen. Vogelembryonen sind bereits bei 0,5 °C Erwärmung gefährdet, während beim Menschen 1 °C toleriert wird. Grenzwerte für Menschen sind zu hoch für Vögel. Wissenschaftlich unbestrittene Risiken wie thermische Effekte werden teilweise ignoriert, etwa auf der Seite www.5g-info.ch. Der Schutz von Flora und Fauna erfordert aktuellere, wissenschaftsbasierte Einzelfallprüfungen. (AT)

1. Mevissen M, Schürmann D (2021). Gibt es Hinweise auf vermehrten oxidativen Stress durch elektromagnetische Felder? Eine Zusammenfassung neuerer relevanter Tier- und Zellstudien in Bezug auf gesundheitliche Auswirkungen. Bern and Basel Universities, on behalf of Federal Office for the Environment (BAFU), Switzerland.

2. Engels S, Schneider N-L, Lefeldt N, Hein CM, Zapka M, Michalik A et al. (2014). Anthropogenic electromagnetic noise disrupts magnetic compass orientation in a migratory bird. Nature 509: 353–356. https://doi.org/10.1038/nature13290

Leberecht B, Kobylkov D, Karwinkel T, Döge S, Burnus L, Wong SY et al. (2022). Broadband 75–85 MHz radiofrequency fields disrupt magnetic compass orientation in night-migratory songbirds consistent with a flavin-based radical pair magnetoreceptor. Journal of Comparative Physiology, 208(1), 97–106. https://doi.org/10.1007/s00359-021-01537-8

3. Sakraoui D, Ziane N, Ghalem R, Boukheroufa M, Habbachi W (2023). Is there an effect of electromagnetic waves from base stations on the breeding success of Ciconia ciconia in Algeria? Biosystems Diversity, 31(4), 493–499. https://doi.org/10.15421/012358

4. Balmori A (2009). Possible effects of electromagnetic fields from phone masts on a population of white stork (Ciconia ciconia). Electromagnetic Biology and Medicine, 24(2), 109–119. https://doi.org/10.1080/15368370500205472