Autor(en):
Kim J*, Hwang Y, Kim S, Kwon D, Park J, Cho B et al.
* Institute for Stem Cells and Regenerative Medicine (ISR), Department of Chemistry, Dongguk University, Seoul 04620.
Südkorea
Veröffentlicht in:
Cell 2026 [im Druck]
Veröffentlicht: 14.04.2026
auf EMF:data seit 11.05.2026
Weitere Veröffentlichungen:
Schlagwörter zu dieser Studie:
Gen-/Protein-Expression (allgemein)
Medizinische/biologische Studien
zur EMF:data Auswertung

Ein durch elektromagnetische Felder induzierbarer In-vivo-Genschalter zur orts- und zeitunabhängigen Steuerung der Genexpression.

Electromagnetic field-inducible in vivo gene switch for remote spatiotemporal control of gene expression.

Original Abstract

Exposition:

EMF allgemein
NF (50/60 Hz)

EMF:data Auswertung

Einleitung

Dass elektromagnetische Felder (EMF) die Expression bestimmter Gene modulieren können, ist seit Jahren Gegenstand experimenteller Forschung, bislang jedoch ohne befriedigende mechanistische Erklärung. Die Autoren der vorliegenden Publikation schließen diese Wissenslücke. Auf der Suche nach einem präzisen Steuerungsmechanismus für gentherapeutische Anwendungen identifizieren sie das Protein Cytochrom b5 Typ B (Cyb5b) als wahrscheinlichen Sensor und beschreiben erstmals den molekularen Mechanismus, wie niederfrequente EMF direkt auf die Genexpression und damit zelluläre Regulationsprozesse einwirken. Obwohl aus einem medizinisch/therapeutischen Ansatz erwachsen, besitzt diese Arbeit aus Sicht der Redaktion immense Implikationen für den Strahlenschutz.

Quelle: ElektrosmogReport 2/2026 | 32. Jahrgang Nr. 2

Studiendesign und Durchführung

Die Autoren identifizierten mittels RNA-Einzelzell-Sequenzierung (sCRNA-seq) in murinen Hirnzellen nach ELF-EMF-Befeldung (2,0 mT; 60 Hz) das Gen Lgr4 als einziges Gen, dessen Expression konstant, reversibel und gewebeübergreifend durch das EMF verändert wird. Aus der Promotor-Region dieses Gens extrahieren Sie ein EMF-induzierbares Element (IE). In einem Reporter-Assay (transgenes IE-gekoppeltes GFP (grün fluoreszierendes Protein)) identifizieren sie das Cyb5b als essenziellen Mediator, dessen Ausschaltung die EMF-Antwort der Zellen vollständig aufhob und dessen Wiederanschaltung sie vollständig wiederherstellte. Davon ausgehend überprüften die Wissenschaftler die molekularen Zusammenhänge, wie Cyb5b die EMF-Antwort vermittelt, durch Echtzeit-Zell-Bildgebung. Dabei wird deutlich, dass ein durch den spannungsgesteuerten Kalziumkanal Cacna1f vermittelter rhythmisch oszillierender Ca²⁺-Einfluss die IE-Aktivierung verursacht. Die Autoren validieren im Anschluss ihren „Genschalter“ in-vivo mit transgenem Ei-GFP sowie verschiedenen therapeutischen IE-Transgenen im Mausmodell. Dabei modulieren sie gezielt durch das beschriebene ELF-EMF (2,0 mT; 60 Hz) auf gentherapeutische Weise im Mausmodell Alzheimer-Phänotypen und Serotonin-Funktion in Depressions-Phänotypen.

Ergebnisse

Der Mechanismus:

Das für den Strahlenschutz relevante Kernstück der Studie ist die mechanistische Entschlüsselung der EMF-Signalkette. Eine ganze Reihe verschiedener Reporter- und Knock-out-Assays weisen robust darauf hin, dass Cyb5b, ein sich hauptsächlich in der mitochondrialen Membran befindlicher membrangebundener Elektronenüberträger, als EMF-Sensor fungiert. Das verwendete ELF-Feld induziert eine Aktivitätsänderung von Cyb5b, welches den Redoxstatus von spannungsgesteuerten Kalziumkanälen (VGCCs), insbesondere von L-Typ (Cacna1f) verändert. Dies moduliert die Öffnungswahrscheinlichkeit von Cacna1f und löst damit ein charakteristisches Muster rhythmischer, anhaltender intrazellulärer Kalziumoszillationen aus. Ausschließlich diese Kalziumoszillationen sind in der Lage, die biologische Antwort zu erzeugen, im Gegensatz zu pharmakologisch oder physikalisch induziertem Kalziumeinstrom. Die biologische Antwort besteht in einer Aktivierung des Transkriptionsfaktors Sp7, der an das EMF-induzierbare Element des Lgr4-Gens bindet und somit die Expression von Lgr4 initiiert. Die Bildung des Proteins Lgr4 steht somit unter der Kontrolle des ELF-EMF.

Anwendung in der Gentherapie:

Um die in-vivo Anwendbarkeit des IE-Gen-Switches zu überprüfen stellten die Wissenschaftler in transgenen Mausmodellen verschiedene Proteine unter die Kontrolle des EMF-induzierbaren Elements. Darunter OSK-Faktoren (Reprogrammierungsfaktoren in der regenerativen Medizin), pathogenes Amyloid-Vorläuferprotein (Induktion von Alzheimer-ähnlicher Erkrankung) und Tph2 (Serotoninsynthese, Therapie von depressions-ähnlicher Erkrankung). Die Autoren waren in der Lage, gezielt zeitlich und auf einzelne anatomische Regionen begrenzt, die Transgene durch das EMF zu induzieren. Die OSK-Therapie konnte Alterungs-Mausmodelle teil-wiederherstellen. Ebenso effektiv löste lokal angewendetes EMF pathologische Aß42-Akkumulation, Plaguebildung und Neuroinflammation im Alzheimer-Modell aus. Im Depressionsmodell stellte die EMF-Exposition die serotonerge Aktivität wieder her und normalisierte depressionsassoziierte Verhaltensparameter.

Schlussfolgerungen

Anmerkungen der Redaktion:

Die vorliegende Publikation zeichnet sich durch eine exzellente Methodik aus. Umfassende Screening-Methoden, wiederholte Validierung (Knock-out und Rettung), Echtzeit-Zell-Bildgebung, transgene Tiermodelle und Langzeitdaten bilden eine belastbare Evidenzkette. Obwohl die Autoren bei wildtypischen Mäusen keine Hinweise auf eine gesundheitsschädliche Wirkung der Befeldung fanden, ist die Studie aus Sicht des Strahlenschutzes von besonderer Relevanz. Sie liefert erstmals einen plausiblen, molekular verifizierten Mechanismus, über den EMF spezifische Genexpressionsveränderungen auslösen können. Die Mediatoren dieses Mechanismus sind spannungsgesteuerte Kalziumkanäle, wie bereits 2013 von Pall postuliert (1). Die Autoren interpretieren die beobachteten Kalziumoszillationen als biologischen Frequenzcode. Die Zelle übersetzt die spezifische Kalzium-Dynamik in ein definiertes Transkriptionsprogramm auf bio-orthogonale Weise. Die Frage, ob ähnliche Signalketten auch durch umgebungs- und alltagsrelevante EMF-Quellen aktiviert werden können, stellt sich damit drängender denn je. Dass niederfrequente EMF, wie z. B. durch Wechselstrom (50 Hz), die Genexpression verändern können, ist nun belegt. Welche Implikationen dies für andere alltagsrelevante EMF wie z. B. Drahtloskommunikation besitzt, ist noch nicht absehbar. (2) Die Autoren vermuten, dass die niederfrequente Pulsmodulation der hochfrequenten Trägerwelle maßgeblich an der Bioaktivität realer Mobilfunksignale beteiligt ist Die Ergebnisse zeigen, dass die Modelle, die aktuellen Grenzwerten zugrunde liegen, zu trivial sind, um verlässliche Vorhersagen zu treffen. Schon lange weisen wissenschaftliche Publikationen darauf hin, dass die biologische Wirksamkeit von EMF nicht ausschließlich durch thermische Effekte erklärt werden kann. Nun ist ein Schlüsselmechanismus identifiziert, der das thermische Dogma als obsolet entlarvt. Die Autoren weisen jedoch auch darauf hin, dass weitere Studien nötig sind, um den exakten molekularen Mechanismus aufzuklären, wie die EMF-induzierten Veränderungen in Cyb5b den Öffnungszustand von Cacna1f mechanistisch modulieren. Die Datenlage ist jedoch bereits jetzt robust genug, um Verantwortliche in eine Aktion zu zwingen und bestehende Grenzwerte inkl. zugrundeliegender Modelle zu überdenken. (RH)

1.   Pall ML (2013). Electromagnetic fields act via activation of voltage‐gated calcium channels to produce beneficial or adverse effects. Journal of Cellular and Molecular Medicine, Aug 26; 17(8):958-65. https://doi.org/10.1111/jcmm.12088

2.   Panagopoulos DJ, Yakymenko I, De Iuliis GN, Chrousos GP (2025). A comprehensive mechanism of biological and health effects of anthropogenic extremely low frequency and wireless communication electromagnetic fields. Frontiers of Public Health, Jun 4; 13:1-23. https://doi.org/10.1111/jcmm.12088