Author(s):
Melnick RL*, Moskowitz JM, Héroux P, Mallery-Blythe E, McCredden JE, Herbert M, Hardell L, Philips A, Belpoggi F, Frank JW, Scarato T, Kelley E, ICBE-EMF.
* International Commission on the Biological Effects of Electromagnetic Fields (ICBE-EMF).
International
Published in:
Environ Health 2025; 24: 70
Published: 02.10.2025
on EMF:data since 19.11.2025
Further publications: Study funded by:

The Electromagnetic Safety Alliance.

Keywords for this study:
Risk assessment of nonionizing radiation
Reviews
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The WHO-commissioned systematic reviews on health effects of radiofrequency radiation provide no assurance of safety.

Original Abstract

The World Health Organization (WHO) commissioned 12 systematic reviews (SR) and meta-analyses (MA) on health effects of exposure to radiofrequency electromagnetic fields (RF-EMF). The health outcomes selected for those reviews (cancer, electromagnetic hypersensitivity, cognitive impairment, birth outcomes, male fertility, oxidative stress, and heat-related effects) were based on a WHO-conducted international survey. The SR of the studies of cancer in laboratory animal studies was the only one that did not include a MA, because those authors considered it inappropriate due to methodological differences among the available studies, including differences in exposure characteristics (carrier frequency, modulation, polarization), experimental parameters (hours/day of exposure, duration of exposure, exposure systems), and different biological models. MAs in all the other SRs suffered from relatively few primary studies available for each MA (sometimes due to excessive subgrouping), exclusion of relevant studies, weaknesses in many of the included primary studies, lack of a framework for analyzing complex processes such as those involved in cognitive functions, and/or high between-study heterogeneity. Due to serious methodological flaws and weaknesses in the conduct of the reviews and MAs on health effects of RF-EMF exposure, the WHO-commissioned SRs cannot be used as proof of safety of cell phones and other wireless communication devices. However, the animal cancer SR, which was rated as “high certainty of evidence” for heart schwannomas and “moderate certainty of evidence” for brain gliomas, provided quantitative information that could be used to set exposure limits based on reducing cancer risk. The multiple and significant dose-related adverse effects found in the SRs on male fertility and pregnancy and birth outcome should also serve as the basis for policy decisions to lower exposure limits and reduce human reproductive risks. The report of harmful effects (e.g., cancer, reproductive toxicity, etc.) at doses below the adverse health effect threshold claimed by ICNIRP demonstrates that current exposure limits to RF-EMF, which were established by applying arbitrary uncertainty factors to their putative adverse threshold dose, lack scientific credibility.

Exposure:

RF/microwaves (1 - 300 GHz)

EMF:data assessment

Summary

Die Weltgesundheitsorganisation WHO gab im Rahmen ihres „Electromagnetic Field“ (EMF)-Projektes insgesamt 12 systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen in Auftrag, deren Aufgabe darin bestand, Klarheit über die gesundheitlichen Auswirkungen von hochfrequenter (0–300 GHz) Strahlung zu schaffen. In diesem Frequenzbereich agieren unter anderem moderne drahtlose Kommunikationstechnologien (Mobiltelefone, WLAN-Router, Basisstationen etc.). Inhaltlich beschäftigten sich die Übersichtsarbeiten u. a. mit Krebsrisiken an Mensch und Versuchstieren, Einschränkungen der Fruchtbarkeit, kognitiven Defiziten, elektromagnetischer Hypersensibilität (EHS) und oxidativem Stress. Publiziert wurden die Übersichtsarbeiten im Zeitraum zwischen 2023 und 2025. Die hier vorgestellte Arbeit von Melnick et al. bewertet kritisch die methodische Qualität, Auswahlkriterien, Risiko- und Evidenzbewertung sowie die Interpretation der Ergebnisse durch die WHO-beauftragten Autorenteams.

Source: ElektrosmogReport 4/2025 | 31. Jahrgang Nr. 4

Study design and methods

Melnick et al. führen keine Primärstudie, sondern eine systematische Methodenkritik der 12 WHO-beauftragten systematischen Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen durch. Hierbei werden mögliche (1) Voreingenommenheit seitens der Autoren der Übersichtsarbeiten, (2) Einschluss- und Ausschlusskriterien von Primärstudien, (3) adäquates Design der einbezogenen Studien, (4) Vorgehensweise bei den Übersichtsarbeiten, (5) Meta-Analyse sowie (6) Risiko- und Evidenzbewertung analysiert.

Results

Zunächst kritisieren Melnick et al. die übermäßige Repräsentation von ICNIRP-Mitgliedern in den Autoren-Arbeitsgruppen der WHO-beauftragten Studien. In jeder Arbeitsgruppe war mindestens ein gegenwärtiges oder ehemaliges ICNIRP-Mitglied, in manchen sogar mehrere ICNIRP-Mitglieder vertreten. Einige Personen traten mehrfach in verschiedenen Review-Teams auf. Da die ICNIRP traditionell die Ansicht vertritt, dass thermische Wirkungen die einzige Gesundheitswirkung hochfrequenter elektromagnetischer Felder seien, sehen Melnick et al. ein hohes Risiko für eine systematische Voreingenommenheit der Autoren („groupthink bias“). Zu demselben Schluss kommt auch das frühere ICNIRP-Mitglied James C. Lin (Lin, 2021). Außerdem seien die Verbindungen der ICNIRP im Allgemeinen und einiger Autoren im Besonderen zur Industrie (Telekommunikation, Militär), welche ein großes wirtschaftliches Interesse an Grenzwerten hat, bedenklich. Inhaltlich bemängeln Melnick et al. eklatante Mängel bei den Ein- und Ausschlusskriterien von Primärstudien bei diversen Reviews. Dies führte zum Ausschluss relevanter, gut durchgeführter Studien, während qualitativ unzulängliche Studien überproportional gewichtet wurden. Besonders deutlich wird dies am Beispiel von Hochfrequenzwirkung auf oxidative Stressmarker. Von ursprünglich 897 Artikeln, die Meyer et al. (Meyer et al., 2024) für ihre Übersichtsarbeit als geeignet erachteten, wurden nur 52 in ihre Metaanalyse aufgenommen. Das entspricht weniger als 6 %. 360 Primärstudien wurden ausgeschlossen, weil Biomarker verwendet wurden, die laut Meyer et al. ungeeignet für die Evaluation oxidativen Stresses seien. Mit der Nutzung adäquater scheinbefeldeter Kontrollen ist dieses Argument jedoch hinfällig und die untersuchten Biomarker sind verlässliche Indikatoren oxidativen Stresses. Auch gewählte Grenzwerte für die Feldstärke (z. B. E > 1 V/m) hatten zur Folge, dass Primärstudien mit geringen (und dadurch besonders relevanten, Anm. d. Red.) Befeldungen ausgeschlossen wurden. Meyer et al. erwähnten nicht einmal in der Beschreibung ihrer Inklusions- bzw. Exklusionskriterien den Ausschluss der Aktivität antioxidativer Schutzenzyme, welche seit geraumer Zeit und in einer Vielzahl von Studien als Biomarker für oxidativen Stress benutzt werden. Die Übersichtsarbeit von Meyer et al. ist dementsprechend nicht in der Lage, den aktuellen Forschungsstand widerzuspiegeln. Es wurden jedoch nicht nur bei oxidativen Stressmarkern relevante Studien ausgelassen und methodisch unzulängliche Studien stark gewichtet. Im Falle der Auswirkungen von Hochfrequenz auf Krebs beim Menschen wurde sich z. B. stark auf die Ergebnisse der dänischen Kohortenstudie gestützt, die schwerwiegende methodische Mängel aufweist und von der Internationalen Agentur für Krebsforschung als nicht aussagekräftig eingestuft wurde. In einem zweiten Review zu „weniger gut erforschten“ menschlichen Krebsarten wurden lediglich Primärstudien von 1988 bis 2019 inkludiert, was zum Ausschluss der UK-Biobank-Kohortenstudie führte, welche mit über 400.000 Teilnehmern zu den größten und bestdurchgeführten Studien in diesem Bereich gehört. Sie fand statistisch signifikant erhöhte Inzidenzen von diversen Krebsarten, so auch die Gesamtkrebsinzidenz, im Zusammenhang mit Mobiltelefonnutzung. Als weiteres Beispiel seien Unzulänglichkeiten bei der Evaluation der elektromagnetischen Hypersensibilität (EHS) genannt (Bosch-Capblanch et al., 2024). Bei der Beurteilung von Schlafstörungen wurde keine einzige Studie einbezogen, welche Teilnehmer mit EHS umfasste. Außerdem wurden lediglich Leistungsdichte und Frequenz als Befeldungskriterien als relevant erachtet. Variablen, die möglicherweise eng mit EHS in Verbindung stehen, wie Magnetfelder, niederfrequente Pulsmodulation, Datenübertragung etc., wurden ignoriert. Melnick et al. identifizieren bei allen Publikationen in beinahe allen durchgeführten Meta-Analysen methodische Schwächen, mit Ausnahme der Übersichtsarbeit von Mevissen et al. (Mevissen et al., 2025), die aufgrund der Heterogenität der Primärstudien keine Meta-Analyse durchführte. Trotz hoher Heterogenität wurden zu den anderen Themen Meta-Analysen angefertigt. Neben der Heterogenität wurden reihenweise Meta-Analysen mit zu wenig Primärstudien (weniger als 5, häufig zwei), Primärstudien mit unterschiedlichen Studiendesigns (Fall-Kontroll- und Kohortenstudien) oder verschiedenen Endpunkten durchgeführt. Die daraus entstehenden Daten suggerieren eine Präzision der Ergebnisse, welche aufgrund der oben beschriebenen methodischen Mängel nicht existiert. Als weiteren Kritikpunkt bringen Melnick et al. die Anwendung der Risk-of-Bias-Instrumente und des GRADE-Systems an. Sie stellten fest, dass die Herabstufung der Evidenzstärke inkonsistent erfolgte. Außerdem sei die Dokumentation der Bewertungsentscheidung und die Nachvollziehbarkeit der GRADE-Schritte oft unzureichend gewesen. 8 der 12 WHO-finanzierten Studien schlussfolgern aus ihren Daten, dass HF-EMF wahrscheinlich keine gesundheitsschädigenden Wirkungen besitzen. Diese Schlussfolgerungen beruhen allesamt auf Daten, deren Evidenzstärke von den Autoren als unsicher oder sehr unsicher eingestuft wurde. Dies stellt einen logischen Fehler dar, da im Umkehrschluss auch eine unsichere oder sehr unsichere Evidenz vorliegt, dass HF-EMF unbedenklich sind.

Conclusions

Melnick et al. finden in nahezu allen WHO-Reviews wiederkehrende und systematische methodische Mängel. Diese beinhalten übermäßig restriktive Einschlusskriterien, fehlerhafte Expositionsdefinitionen, unangemessene Meta-Analysen mit geringer Studienzahl, selektive Gewichtung von Ergebnissen, inkonsistente Anwendung der Bewertungsinstrumente und potenzielle Interessenkonflikte der Autoren. Anstatt die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Gesundheitsrisiken von HF-EMF umfassend zu bewerten, vermitteln diese Übersichtsarbeiten ein falsches Gefühl der Sicherheit, was die Gesundheit der Allgemeinbevölkerung riskiert. Abgesehen davon seien in den Übersichtsarbeiten zu Krebs und Fortpflanzung bei Tierversuchen konsistente Hinweise auf schädigende Wirkungen gefunden worden. Aus Sicht der Arbeitsgruppe um Melnick seien die Belastungsgrenzwerte der FCC und ICNIRP veraltet und basierten auf ungültigen Annahmen (thermisches Dogma). Neue, wissenschaftlich fundierte Richtlinien, die die menschliche Gesundheit und Umwelt angemessen schützen, seien dringend erforderlich. Aufgrund der schwerwiegenden Mängel seien die meisten Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen, die von der WHO in Auftrag gegeben wurden, nicht geeignet, um als Nachweis für die Sicherheit von Mobiltelefonen und anderen drahtlosen Kommunikationsgeräten herangezogen zu werden.

Anmerkungen der Redaktion:

Diese ungewöhnlich harsche Kritik stützt sich auf dokumentierte methodische Prozesse. Die angesprochenen Kritikpunkte sind allesamt valide und nachvollziehbar. In Anbetracht des Umfangs der methodischen Mängel und der Suggestion von Belastbarkeit der Befunde, welche nicht existiert (Stichwort Meta-Analyse), muss die Frage erlaubt sein, inwiefern Absicht und Methode hinter der Verharmlosung von Mobilfunk stehen. (RH)

Bosch-Capblanch X, Esu E, Oringanje CM, Dongus S, Jalilian H, Eyers J et al. (2024). The effects of radiofrequency electromagnetic fields exposure on human self-reported symptoms: A systematic review of human experimental studies. Environment International, 187(October 2023). https://doi.org/10.1016/j.envint.2024.108612

Lin JC (2021). Science, Politics, and Groupthink [Health Matters]. IEEE Microwave Magazine, 22(5), 24–26. https://doi.org/10.1109/MMM.2021.3056975

Mevissen M, Ducray A, Ward JM, Kopp-Schneider A, McNamee JP, Wood AW et al. (2025). Effects of radiofrequency electromagnetic field exposure on cancer in laboratory animal studies, a systematic review. Environment International, 199(February 2024), 109482. https://doi.org/10.1016/j.envint.2025.109482

Meyer F, Bitsch A, Forman HJ, Fragoulis A, Ghezzi P, Henschenmacher B et al. (2024). The effects of radiofrequency electromagnetic field exposure on biomarkers of oxidative stress in vivo and in vitro: A systematic review of experimental studies. In Environment International (Vol. 194, Issue July). Elsevier Ltd. https://doi.org/10.1016/j.envint.2024.108940